DIE TAUSCHBÖRSE
Verlag:
Diogenes
Jahr:
2023
Medium:
Taschenbuch
Sprache:
Deutsch
Anbieter:
(10)

Artikel angeboten seit:
05.04.2025
Tickets:
5
Zustandsbeschreibung
einmal gelesen, sehr guter Zustand

passt in eine Warensendung
Artikelbeschreibung
"Die Enkelin" Roman von Bernhard Schlink

TOP Bestseller

Maßlose Toleranz
Aus der Süddeutschen Zeitung vom 11. November 2021

Kurzer Frühling: Beim Deutschlandtreffen der FDJ 1964 tanzen Jugendliche aus Westdeutschland mit.

Eine West-Ost-Liebesgeschichte und die Suche nach einer Familie, die es nie gab: Der neue Roman von Bernhard Schlink führt ins Milieu völkischer Siedler.
Schlink erzählt das ganze Drama aus der Rückschau. Im Berlin der Gegenwart ist aus Birgit und Kaspar eines dieser kinderlosen, kultivierten Paare geworden, bei denen man nie so ganz weiß, wann sie das Lachen verlernt haben. Während Kaspar seit Jahrzehnten in seinem Buchladen Erfüllung findet, hat sich Birgit, die heimlich Gedichte schreibt, weiter eingekapselt. Es fällt ihr immer schwerer, ihre Alkoholsucht zu überspielen. Eines Abends findet Kaspar seine Frau ertrunken in der Badewanne. Ein Unfall?

Nach Birgits Tod findet Kaspar auf der Festplatte ihres Computers ein Manuskript - der Beginn einer Autobiografie. In diesem Text liest er erstmals von Birgits Tochter, die kurz nach dem Pfingsttreffen zur Welt kam, er erfährt auch sonst einiges über ihre Fluchten und ihr Unvermögen, sich endlich auf die Suche nach ihrem Kind zu machen. Und auf einmal hat Kaspars Leben wieder einen Sinn. Der von Trauer und Ohnmacht betäubte Witwer will das schaffen, woran seine Frau gescheitert ist: noch einmal in die Vergangenheit eintauchen und die richtige Abzweigung nehmen.


Schlink schickt seinen Kaspar übers Land, in die mecklenburgische Provinz, zu den völkischen Siedlern, wo er die verlorene Tochter schließlich ausfindig macht. Svenja ist bei ihrem leiblichen Vater aufgewachsen, verbrachte ihre schlimmste Zeit im berüchtigten Jugendwerkhof Torgau, wo die Insassen gezielt gebrochen wurden, und landete dann auf der Straße. Nun führt sie mit ihrem Mann und ihrer 14-jährigen Tochter Sigrun ein Leben in einer Parallelwelt jenseits der bürgerlichen Gesellschaft.

Wie Kaspar diese unverhoffte Enkelin umwirbt, wie er sie befreien will aus dem dumpfen, fremdenfeindlichen Milieu: Darum geht es im zweiten Teil des Buches, das die Schwierigkeiten beschreibt, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die in ihrem Weltbild gefangen sind. Schlink hat erkennbar viel recherchiert über die Rechtsradikalen auf ihren abgeschotteten Höfen und die sich autark fühlenden Blut-und-Boden-Gemeinschaften. Aber letztlich scheitert auch er mit dem Versuch, halbwegs plausible Szenefiguren jenseits aller Thor-Steinar-Klischees zu entwerfen. Es geht ihm da nicht anders als Juli Zeh, die in ihrem Bestseller "Über Menschen" von der Begegnung einer Berliner Werbetexterin mit einem Neonazi-Nachbarn erzählt, der mindestens genauso nah am Wasser wie am Bier gebaut ist und am Ende nicht von Gutmenschen, sondern von einer tödlichen Krankheit niedergerungen wird.


Bernhard Schlink: Die Enkelin. Roman. Diogenes, Zürich 2021. 368 Seiten, 25 Euro.
(Foto: N/A)

Im Grunde zeigt sich Schlink in seinem neuen Buch als Romantiker alter Schule: Kaspar versucht die Enkelin mit seinem ganzen Bildungs- und Erfahrungsschatz, vor allem mit klassischer Musik, an sich zu binden. Es hat schon etwas Berührendes, wie er sie, als sie ihn endlich in Berlin besucht, jeden Abend mit einer anderen Komposition in den Schlaf wiegt. Er wolle sich ihr "anbieten", heißt es im Roman, genauso wie sich die verstorbene Birgit ihrer Tochter "anbieten" wollte. Diese Demutshaltung passt zu der von Schlink bewusst ambivalent gehaltenen Figur: Kaspar will ganz viel geben, aber nie genau hinschauen. Weil er fürchtet, dann alles zu verlieren. Aber ist jemand, der beim Dorffest der Möchtegern-Germanen die guten alten Volkslieder mitsingt und die dumpfe Nazi-Rhetorik bewusst überhört, nicht prinzipienlos und feige? Eine Frage, die der Jurist und Autor Schlink nicht eindeutig beantwortet.

Kaspars maßlose Toleranz, alles verstehen, alles verzeihen zu wollen und nie eine Tür zuzuschlagen, steht prototypisch für die Haltung des linksliberalen Bürgertums, die manchmal mehr mit Ignoranz zu tun hat; man ahnt, dass hier auch ein Grund für Birgits Verzweiflung liegt. Weil ihr Mann nie den Mut hatte, aufs Ganze zu gehen und endlich die Wahrheit ans Licht zu bringen. Manche Menschen sind ja geradezu dankbar dafür, von der Last eines Geheimnisses befreit zu werden.

Kaspar weiß um seine größte Schwäche, er kämpft bewusst dagegen an. Er wäre gern ein mutigerer Mann. Doch letztlich kann er nicht aus seiner Haut. So wie der Romanautor Bernhard Schlink, Sohn eines protestantischen Theologen, der ganz fest daran glaubt, dass sich Menschen bessern können, wenn sie nur die Gelegenheit bekommen - mit Glaube, Liebe, Hoffnung.
Schlagworte
Bernhard Schlink Roman Wende DDR

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